Narrative AI in Software Business, Ethics and Higher Education

Narrative AI in Software Business, Ethics and Higher Education

Warum KI ohne epistemische Reflexion weder Bildung, Hochschulen noch Organisationen voranbringt

Mit der Veröffentlichung unseres Beitrags „Narrative AI Strategies for Media, Ethics and Higher Education“ im Springer-Nature-Sammelband Software Business wird deutlich: Künstliche Intelligenz ist längst nicht mehr nur technologische Infrastruktur, sondern ein epistemischer Akteur mit weitreichenden Folgen für Organisationen, Bildung und Verantwortung. Der Beitrag markiert einen zentralen Schritt an der Schnittstelle von Forschung, Lehre und industrieller Praxis. Der am 19. Januar 2026 erschienene Band eröffnet neue Perspektiven auf Wissen, Bedeutung und Verantwortung im Zeitalter Künstlicher Intelligenz.

Daniel Khafif
Daniel KhafifAutor
26. Januar 20269 Min. Lesezeit

Buchveröffentlichung „Software Business“ (Springer Nature, 2026)

Mit dem Sammelband Software Business(Herzwurm et al., 2026) ist am 19. Januar 2026 bei Springer Nature ein Werk erschienen, das ein Industriefeld beschreibt, das sich dauerhaft zwischen Bedarfsermittlung und Umsetzung, Konzeption und Implementierung sowie Entwickler- und Anwenderkommunikation bewegt.Software Businessist kein abgeschlossenes Produktsegment, sondern ein dynamisches Gefüge aus Technologie, Organisation, Wissen und Verantwortung.

Unser Beitrag*„Narrative AI Strategies for Media, Ethics and Higher Education“*(Simon & Khafif, 2026) ist Teil dieses Bandes. Er entstand im Kontext der 25th International Conference on Software Business (ICSOB 2025) an der Universität Stuttgart. Die Konferenz verstand Software Business nicht allein als technisches oder ökonomisches Feld, sondern explizit auch alsepistemisches und kulturelles System, in dem Wissensproduktion, Bedeutungszuschreibung und Verantwortung neu ausgehandelt werden.

Digitale Transformation als epistemischer Umbruch

Wir befinden uns nicht nur in einer weiteren Phase technologischer Innovation, sondern in einem tiefgreifenden epistemischen Wandel. Historisch lassen sich Revolutionen – technische wie politische – häufig an einzelnen Ereignissen festmachen, etwa Gutenbergs Buchdruck im 15. Jahrhundert oder Watts’ Dampfmaschine im 18. Jahrhundert. Ihre eigentliche Wirkung entfalten sie jedoch erst in der langfristigen Umstrukturierung von Wissen, Macht und Alltagspraxis.

Wie Jeremy Rifkin früh betonte, sind industrielle Revolutionen stets auch Revolutionen der Koordination, Kommunikation und Energieverteilung (Rifkin, 2011). Was sich heute durch Künstliche Intelligenz, Internet und datenbasierte Systeme vollzieht, ist daher mehr als eine infrastrukturelle Transformation: Es ist ein Eingriff in kognitive Routinen, Entscheidungslogiken und Formen der Sinnstiftung.

Anders als klassische politische Revolutionen entsteht dieser Wandel nicht primär durch Gewalt, sondern durch alltagspraktische Adoption: Homeoffice, Online-Banking, algorithmische Empfehlungssysteme oder KI-gestützte Text- und Wissensproduktion. Gatekeeper verlieren an Bedeutung, neue Kommunikationskanäle entstehen, Autorität verschiebt sich.

Kolonialismus, Wissen und digitale Vergleichshorizonte

Um die Tiefe dieses Wandels zu verstehen, ist ein historischer Vergleich hilfreich. Jürgen Osterhammel beschreibt Kolonialismus als ein System, in dem*„Wissensordnungen, Sprachen und Rechtssysteme nicht nur übertragen, sondern radikal neu strukturiert“*wurden – häufig unter Zwang, immer jedoch mit massiven epistemischen Folgen (Osterhammel, 2015).

Die Europäisierung indigener Gesellschaften in der Neuen Welt wie auch im indo-pazifischen Raum zeigt, dass koloniale Begegnungen nicht allein als Prozesse politischer oder ökonomischer Dominanz zu verstehen sind, sondern zugleich als Situationen erzwungenen Lernens und epistemischer Anpassung. Lernen war hier nicht optional, sondern existenziell (Osterhammel, 2015, S. 650–662).

Diese historische Konstellation erlaubt – bei aller notwendigen ethischen Sensibilität – eine analytische Analogie zur gegenwärtigen digitalen Transformation: Auch Künstliche Intelligenz restrukturiert Wissensordnungen und Lernregime, jedoch nicht durch direkte Gewalt, sondern durch infrastrukturelle Unausweichlichkeit und systemische Abhängigkeiten.

„Koloniale Herrschaft ordnete nicht nur Wirtschaft und Politik neu, sondern veränderte tiefgreifend Wissen, Wahrnehmung und Lernprozesse auf beiden Seiten.“(Osterhammel, 2015, S. 656)

Auch die frühe Neuzeit liefert aufschlussreiche Parallelen: Die Fugger-Dynastie etablierte im 16. Jahrhundert europaweite Informations- und Kuriernetze, verschlüsselte Depeschen und kontrollierte Handelswissen – frühe Formen strategischen Wissensmanagements. Wissen war Macht und musste selektiv verteilt werden.

Der Buchdruck selbst folgte zunächst ökonomischen Logiken – Flugblätter, Sensationen, „News“. Erst später wurde er zum Träger wissenschaftlicher, kartografischer und politischer Ordnung. Medien entfalten ihre gesellschaftliche Bedeutung somit nie unmittelbar, sondern stets in Rückkopplung mit Macht, Ökonomie und Technik.


Denken als Muster – KI als epistemischer Akteur

Künstliche Intelligenz wirkt heute direkt auf Ebenen ein, die lange als genuin menschlich galten: Wahrnehmung, Interpretation, Bedeutung. Douglas Hofstadter formulierte dies prägnant:

„The human mind is not a thing, but a pattern that perpetuates itself.“(Hofstadter, 2007)

Wenn Denken als rekursives Muster verstanden wird, ist KI nicht bloß Werkzeug, sondern epistemischer Akteur. Sie strukturiert Bedeutungen, erzeugt Resonanzräume und verändert die Bedingungen, unter denen Wissen entsteht, gespeichert und abgerufen wird. Niklas Luhmann erinnert systemtheoretisch daran, dass Wissen die Welt nicht abbildet, sondern Komplexität handhabbar reduziert. Wird KI in Wissenssysteme integriert, fungiert sie als Mechanismus zweiter Ordnung der Komplexitätsreduktion – sie strukturiert nicht Realität, sondern unsere Beschreibungen von ihr (Luhmann, 1992). Die zentrale Herausforderung liegt folglich nicht in der Datenmenge, sondern in derverantwortungsvollen Gestaltung von Selektion, Relevanz und Sinn. Luciano Floridi bringt dies normativ auf den Punkt:

„Technology is never neutral; it always comes with values.“(Floridi, 2014)

Die entscheidende Frage lautet daher nicht,obKI in Bildung und Organisationen eingesetzt wird, sondernauf welcher epistemischen, didaktischen und ethischen Grundlage.

Software Business als permanenter Dialog

Software Business ist kein statisches Produktfeld, sondern ein oszillierendes System zwischen UX/UI-Design und Code, zwischen Architekturentscheidungen und organisationalen Routinen, zwischen ökonomischer Verwertung und gesellschaftlicher Verantwortung. Durch KI, IoT und datengetriebene Systeme wird diese Dynamik weiter beschleunigt.

Ergänzend zeigt die Wirtschaftsinformatik, dass Informationssysteme grundsätzlichsoziotechnische Gefügesind, die Kognition, Koordination und Sinnproduktion in Organisationen prägen (Sarker et al., 2019).

Software Business ist damit immer auch Bedeutungs- und Lernarbeit.

Narrative AI: Unser Ansatz

Unser Beitrag versteht Narrative AI nicht als Automatisierungstechnologie, sondern als epistemische Schnittstelle zwischen Wissen, Bedeutung und Handlung.

Im Zentrum stehen:

KI als Mit-Produzent von Bedeutungen

Wissensmanagement statt bloßer Effizienzsteigerung

didaktische und methodische Integration in Lehre und Studium

die Mensch–Maschine-Schnittstelle als Gestaltungsraum

Fragen nach Verantwortung, Kontrolle und Sinn

Peter Kruse zeigt, dass Lernen in komplexen Systemen nicht linear verläuft, sondern durch Selbstorganisation, Resonanz und Kontext entsteht (Kruse, 2015). Narrative Strukturen sind dabei kein „Add-on“, sondern konstitutiv für Erkenntnis. Wie Marshall McLuhan festhielt:*„The medium is the message.“*Gerade in der Hochschullehre bedeutet dies, dass Qualifizierung, curriculare Passung und Akkreditierungslogiken sich zunehmend anadaptiven, KI-unterstützten Lernumgebungenorientieren müssen – und weniger an standardisierter Wissensvermittlung.

Implikationen für Higher Education und Praxis

Für Hochschulen, Organisationen und softwaregetriebene Industrien folgt daraus:

Entwicklung neuer Curriculamit epistemischer Kompetenz

neue Prüfungs- und Projektformate-veränderte Berufsbilderzwischen Konzeption, Reflexion und Steuerung

aktive Gestaltung der Deutungshoheit über Wissen

Wir gehen davon aus, dass der Mensch diese Deutungshoheit behalten kann – jedoch nicht automatisch. Sie mussaktiv gestaltetwerden.

„Wissen entsteht nicht durch Belehrung, sondern durch die intelligente Organisation von Kontexten, in denen Lernen unvermeidlich wird.“(Kruse, 2015, S. 112)

Fazit

Der SammelbandSoftware Businesszeigt eindrucksvoll, wie sehr digitale Industrie heute von Dialog, Übersetzung und Bedeutungsarbeit lebt. Wir freuen uns, diesen Diskurs mit unserem Beitrag zu bereichern – und ihn gemeinsam mit Forschung, Lehre und Praxis weiterzuführen.

Kontext & Dank

Der Sammelband wurde herausgegeben von Prof. Dr. Georg Herzwurm und Dr. Dimitri Petrik (Lehrstuhl Wirtschaftsinformatik der Universität Stuttgart) sowie Dr. ing. Gero Strobel (Fraunhofer IAO), Prof. Dr. Thomas Kude (Wirtschaftsinformatik und Plattformökonomie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg) und Dr. Ing. Lukas Block (Fraunhofer IAO). Das Werk vereint internationale Perspektiven aus Wirtschaftsinformatik, Software Engineering, Media und Management.

Unser besonderer Dank gilt: Dr. Nadine Bisswang und Dr. Dimitri Petrik für die beeindruckend professionelle Kommunikation und Vorbereitung im Rahmen der ICSOB, sowie Prof. Dr. Andreas Helferich für seinen unermüdlichen Einsatz in Organisation, Autor:innen-Koordination und Programmgestaltung. Ein großer Dank gilt auch dem Gastgeberteam von IBM Quantum in Ehningen, insbesondere Sibylle Schäfer und Dr. Martin Maehler, für die eindrucksvolle Öffnung industrieller Spitzenforschung für den wissenschaftlichen Dialog. Ein ausdrücklicher Dank gilt dem Präsidium und der Geschäftsleitung der International School of Management, insbesondere Prof. Dr. Audrey Mehn und Karsten Gardy, für die institutionelle Unterstützung unserer Forschung, sowie Julian Tröndle, der mit der Einladung zum ISM-Podcast "Perspectives On" (Mai 2025) den initialen Impuls für unsere Fragestellungen setzte.

Wir wünschen Ihnen erkenntnisreiche Momente bei der Lektüre.

Herzliche Grüße,

Marcus Simon und Daniel Khafif, ISM, München 26.01.26

Angaben zum Sammelband

Vollständiger Titel: Software Business. 16th International Conference, ICSOB 2025, Stuttgart, Germany, November 24–26, 2025, Proceedings

Herausgeber: Georg Herzwurm · Dimitri Petrik · Gero Strobel · Thomas Kude · Lukas Block

Abstract (DE): Der Sammelband "Software Business" vereint die Beiträge der 16. International Conference on Software Business (ICSOB 2025) in Stuttgart. Er beleuchtet aktuelle Fragestellungen an der Schnittstelle von Wirtschaftsinformatik, Software Engineering, Management und digitaler Innovation. Im Fokus stehen die Wechselwirkungen zwischen technologischer Entwicklung, organisationalen Strukturen und gesellschaftlicher Verantwortung. Der Band versteht Software Business als dynamisches, dialogisches Feld, das sich kontinuierlich zwischen Konzeption und Umsetzung, technischer Innovation und praktischer Anwendung neu konstituiert.

Reihe: Lecture Notes in Business Information Processing (LNBIP)

Verlag: Springer Nature (Lecture Notes in Business Information Processing, Vol. 574)

Erscheinungsjahr: 2026

ISBN (Print): 978-3-032-14517-8

ISBN (eBook): 978-3-032-14518-5

DOI (Buch):https://doi.org/10.1007/978-3-032-14518-5

DOI (Kapitel Simon / Khafif):https://doi.org/10.1007/978-3-032-14518-518_

Preis (Stand Springer Nature, Liste):

Softcover ca. 74,99 €

eBook: Open Access (kostenfrei)

Zitierform (APA-7): Herzwurm, G., Petrik, D., Strobel, G., Kude, T. und Block, L. (Eds.). (2026). Software business: 16th International Conference, ICSOB 2025, Stuttgart, Germany, November 24–26, 2025, proceedings. Springer Nature. https://doi.org/10.1007/978-3-032-14518-5


Über Narrative.Digital

Narrative.Digital UG (haftungsbeschränkt) entwickelt Formate, Methoden und Produkte an der Schnittstelle von Narration, Technologie und Wissen – für Hochschulen, Forschung und Organisationen im digitalen Wandel. Gegründet 10.11.2025, AG Berlin-Charlottenburg, mit Sitz in Berlin. Weitere Büros: München und Freiburg i. Br.

Geschäftsführer: Daniel García Hernández und ab 3. März 2026: Kenn Pfefferkorn

Literaturangaben zum Blogbeitrag

Floridi, L. (2014). The ethics of information. Oxford University Press.

Hofstadter, D. R. (2007). I am a strange loop. Basic Books.

Kruse, P. (2015). Next practice: Erfolgreiches Management von Instabilität. Murmann.

Luhmann, N. (1992). Die Wissenschaft der Gesellschaft. Suhrkamp.

McLuhan, M. (1964). Understanding media: The extensions of man. McGraw-Hill.

Nagel, J. G. (2012). Abenteuer Fernhandel: Globalisierung und Wissenszirkulation in der Frühen Neuzeit. Campus.

Osterhammel, J. (2015). The transformation of the world: A global history of the nineteenth century. Princeton University Press.

Osterhammel, J. (2015). Die Verwandlung der Welt: Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. C. H. Beck. (

Originalausgabe 2009)

Rifkin, J. (2011). The third industrial revolution. Palgrave Macmillan.

Sarker, S., Chatterjee, S., Xiao, X., & Elbanna, A. (2019).The sociotechnical axis of cohesion for the IS discipline: Its historical legacy and its continued relevance.MIS Quarterly, 43(3), 695–720.https://doi.org/10.25300/MISQ/2019/13747

Simon, M., & Khafif, D. (2026). Narrative AI strategies for media, ethics and higher education. In G. Herzwurm et al. (Eds.), Software business (pp. 230–238). Springer Nature. https://doi.org/10.1007/978-3-032-14518-518_

Wendt, R. (2016). Vom Kolonialismus zur Globalisierung: Europa und die Welt seit 1500. Ferdinand Schöningh.

Teilen:
Daniel Khafif

Daniel Khafif

Autor

Über den Autor

Bleiben Sie informiert

Erhalten Sie die neuesten Artikel und Insights direkt in Ihr Postfach.

Mit der Anmeldung stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu. Sie können sich jederzeit abmelden.

Bleiben Sie informiert

Erhalten Sie die neuesten Artikel und Insights direkt in Ihr Postfach.

Mit der Anmeldung stimmen Sie unserer Datenschutzerklärung zu. Sie können sich jederzeit abmelden.